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Hirnschaden

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Hirnschaden

Kirsten Gleichauf steht mit beiden Beinen mitten im Leben, als ein Schlaganfall sie völlig unvorbereitet trifft. Sie ist 31 Jahre alt, beruflich erfolgreich als Betriebswirtin, sportlich, reiselustig – „ein Leben auf der Überholspur“, wie sie selbst sagt, „keine Zeit zum Nachdenken.“ Ein Riss in der Halsschlagader war unentdeckt geblieben, ein Gerinnsel hatte sich gebildet und war ins Gehirn gewandert.

Anfangs ist Kirsten Gleichauf zuversichtlich, dass sie spätestens in ein paar Wochen wieder die alte sein wird – „wie nach einem Beinbruch“. Von dem Neurologen aber hört sie, dass sich in den ersten sechs Monaten ihr Zustand kaum ändern wird. Sie ist halbseitig gelähmt, sie, die immer „autonom und autark“ war, ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen… bei der Fortbewegung, der Nahrungsaufnahme, auf der Toilette.

Kirsten Gleichauf nimmt den Kampf auf, den „Kampf ihres Lebens“. Heute, sechs Jahre später, kann sie kurze Strecken gehen, fährt E-Roller und Auto, arbeitet halbtags in ihrem Beruf und schmeißt den Haushalt. Der Lebensgefährte hat sie nach dem Schlaganfall verlassen, sie hat einen neuen Mann kennen gelernt und geheiratet. Ende 2012 bekommt sie ein Baby. Aber zwei Wünsche sind bisher unerfüllt: wieder mit Messer und Gabel zu essen und einmal wieder Stöckelschuhe anzuziehen.

Unser Gehirn ist neugierig, achtsam, kommunikationsgeil, reaktionsschnell. Es testet jeden Reiz, antwortet mit Taten, nach eigenem Gusto. Arbeitet unermüdlich, auch wenn wir nichts davon merken. Dabei ist jedes Gehirn ein bisschen anderes als die anderen. Es tut, was es will, es ist der Boss. Das alles macht es, wenn es gesund ist, gut trainiert hat, in einer reichen Umwelt lebt. – Und wenn das nicht so ist?

200.000 bis 250.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall, eine Durchblutungsstörung des Gehirns. Meistens kommt es zu einem Gefäßverschluss, seltener zu einer Einblutung. Nervenzellen des Gehirns werden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und sterben ab. Ein Drittel der Betroffenen stirbt daran, es ist die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für im Erwachsenenalter erworbene Behinderungen. Sie betreffen in der Regel die Bewegungsfähigkeit, die Sprache, das Gedächtnis, das emotionale Erleben oder die Wahrnehmung. Zunehmend werden jüngere Menschen von einem Schlaganfall betroffen.

Der Filmemacher Wolfram Seeger hat sich mit den Fällen beschäftigt, in denen – meistens nach Schlaganfällen, aber auch durch andere organische Schädigungen wie einen Tumor oder infolge einer Borreliose – eng umgrenzte Bereiche des Gehirns betroffen sind und es zu Ausfällen oder Verlusten mit bemerkenswerter Symptomatik kommt. Diese bizarren Phänomene – die Unfähigkeit, Worte zu finden oder gefundene Worte auszusprechen, sich zu orientieren, die Gesichter von Freunden und Familienangehörigen wiederzuerkennen oder sich an sein früheres Leben zu erinnern – werfen ein besonderes Licht auf die unglaubliche Komplexität und Leistungsfähigkeit dieses wundervollen, kaum erforschten Organs, die uns ein Leben lang wie selbstverständlich abrufbereit zur Verfügung stehen.

In seinem Film geht es ihm weniger um die medizinische Diagnose oder die Therapie, mehr interessiert, wie das Bewusstsein, die eigene Wahrnehmung, die Spiegelung durch die Umwelt sich schlagartig verändern bzw. verändert werden: Wer bin ich, was bleibt von mir übrig, wenn z.B. meine Erinnerung mich im Stich lässt, wenn ich die einfachsten Dinge neu lernen muss? Über einen langen Zeitraum sind intime Beobachtungen und anteilnehmende Gespräche mit Betroffenen und ihnen Nahestehenden entstanden.

2007 hatte Brigitte Eschenauer erst eine leichte, zwei Jahre später eine schwere Gehirnblutung. 80 Kubikzentimeter groß war der Bluterguss, 7 mal 4 cm, nur 7 von 100 Patienten überleben die ersten 30 Tage und von denen kann nur jeder Fünfte nach einem Jahr sein Bett verlassen. Als Brigitte Eschenauer nach 6 Wochen aus dem Koma erwachte, fand sie sich in dem Heim wieder, in dem sie selbst jahrelang als Altenpflegerin gearbeitet hatte. Sie konnte sich nicht bewegen und ihre Erinnerung war ausgelöscht, sie erkannte ihre Tochter und ihre Enkel nicht, sie wusste nicht woher sie kam, wer sie war und wie sie heißt.

Auch der Mann, der jeden Tag an ihrem Bett saß, war ihr fremd. Mit ihm war sie damals 7 Jahren zusammen, sie musste ihn neu kennen lernen. Werner Gast kommt jeden Tag nach der Arbeit. Er kümmert sich rührend um Brigitte Eschenauer, bringt ihr Sprechen, Lesen und Schreiben bei. Sie kann mittlerweile ein Paar Schritte gehen und sich bewegen, für längere Strecken benutzt sie einen E-Rolli. So oft es geht, fährt Werner Gast mit ihr raus, sie gehen essen, spazieren am Rhein, manchmal verbringen sie ein langes Wochenende im Hotel.

 

 

Wolfram Seeger Dokumentarfilme im Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten