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Stotterer

Menschen hautnah:
Stotterer

Rudolf Sievers, heute Architekt, erinnert sich an seine Kindheit: wie ihm im Milchladen der Verkäufer die Kanne abnimmt und die Milch schon eingefüllt hat, bevor der Junge ihm stotternd klarmachen kann, dass die 20 Pfennige für die Milch noch in der Kanne sind. Die Leute im Laden können sich vor Lachen kaum halten, und der kleine Rudolf wäre am liebsten im Boden versunken vor Scham.

Auch Marita Schmitz (43) hatte wegen ihres Stotterns unter den Hänseleien ihrer Mitschüler zu leiden. Ruhe fand sie erst, nachdem sie sich eines Tages einen Jungen vorgeknöpft und ihm eine gehörige Abreibung verpasst hatte. Ihre mangelhaften Leistungen im Mündlichen wirken sich später auf ihr Abschlusszeugnis aus, sie wird in eine Ausbildung zur Floristin gedrängt – ein Beruf, der sie nie interessierte. Für die Eltern war wichtiger, dass ihre Tochter möglichst wenig Kontakt zu Kunden haben sollte und keine Telefonate annehmen musste.

Fünf Prozent aller Kinder sind Stotterer, etwa doppelt so viele Jungen wie Mädchen. Bis zur Pubertät sprechen vier Fünftel von ihnen wieder flüssig. Man schätzt, dass ein Prozent der Erwachsenen stottert – in Deutschland etwa 800.000 Menschen. Bei Erwachsenen verliert sich das Stottern nur noch selten vollständig.

Stottern ist kein Intelligenzmangel, obwohl viele Menschen das glauben, sondern eine rätselhafte Kommunikationsstörung. Wie sie entsteht und warum sie bei manchen wieder verschwindet, ist unklar. Die Erklärungen reichen von genetischen Dispositionen bis hin zu traumatischen Erlebnissen in der Kindheit.

Auch über die geeignete Stottertherapie gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Allerdings ist das Angebot mit den unterschiedlichsten therapeutischen Ansätzen unübersehbar.

Der Autor Wolfram Seeger begleitete einige Mitglieder der Kölner Stotterer-Selbsthilfe-Gruppe über einen längeren Zeitraum. In seinem Film erfährt der Zuschauer, dass Stottern nicht gleich Stottern ist, sondern jeder Stotterer eine individuelle Art der Sprachstörung hat.


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Der Druck ist das größte Problem der Stotterer

„Rudolf Sievers ist heute erwachsen, Architekt und – Stotterer. Aber eine Geschichte aus seiner Kindheit hat sich ihm nachhaltig eingeprägt: In einem Milchladen hatte ihm der Verkäufer die Kanne schon abgenommen und füllte sie voll, bevor der Junge ihm erklären konnte, dass die 20 Pfennig für die Milch noch in der Kanne sind. Nie wird er das Gelächter der Leute vergessen. …“

Bonner General-Anzeiger

 

Balsamisch

„… In der jüngsten Ausgabe von ‚Menschen hautnah‘ kam es tatsächlich nur auf die Menschen an. Balsamisch war das und eine Werbung für das Medium, weil es Seeger gelang, zu beweisen, wie sich eine Geschichte von ganz alleine erzählen lässt. Seeger begegnete seinen Hauptfiguren mit großer Offenheit, begleitete sie durch den Alltag. …
Ein ermutigender Film für Betroffene, eine Lektion in Menschlichkeit für das breite Publikum.“

Kölner Stadt-Anzeiger

 

Kindheitsdemütigungen

„… Seeger interessierte weniger das wissenschaftliche Phänomen, sondern – wie in all seinen Arbeiten – vor allem die Menschen: wie das Handicap ihr Leben beeinflusst, wie sie damit zurecht- oder auch nicht zurechtkommen, was es mit ihnen macht und was umgekehrt sie ‚damit‘ machen.
Und es ist immer wieder beeindruckend, wie es ihm gelingt, Nähe zu den von ihm Porträtierten herzustellen – auch für den Zuschauer, der zumindest teilweise sich hineinversetzen, nachfühlen kann. Etwa, wenn Andreas formuliert, dass ihm beim erzwungen langsamen Sprechen sehr viele Gedanken durch den Kopf schwirren, schneller, als er eben in Worte fassen kann.
Seeger kommentiert nie, seine Fragen stellt er im Off. Fragen, die an die Substanz gehen, etwa wenn er Andreas fragt, ob wegen des Stotterns nicht manchmal auch an seinen geistigen Fähigkeiten gezweifelt wird, aber er kann solche Fragen stellen, weil die Grundlage seiner Arbeit Respekt und Einfühlung sind – nie verliert er die gebotene Distanz. …
Seegers Film zeigt auch, wie sehr die Therapie nicht nur das Sprechen beeinflusst, sondern das ganze Leben zu verändern vermag, indem sie festgefahrene Mechanismen löst. …
Und als Zuschauer konnte man diesmal völlig gelassen zuhören – dank dieser sehens- und bemerkenswerten „Übersetzungsarbeit“ von Wolfram Seeger.“

epd medien

 

Fixes Denken, zähes Sprechen

„… Sie alle trauen sich vor großem Publikum die Antwort auf eine schwere Frage: Wie lebt man mit einer Krankheit, die von viewlen Mitmenschen wie ein Witz empfunden und als Steilpass für jeden Menge Späßchen genutzt wird? Gewöhnt man sich daran, dass die ‚Gedanken schneller sind, als ich sie in Worte fassen kann‘. Und was kann man dagegen tun, damit es besser wird? …

Bonner General-Anzeiger

 

Wolfram Seeger Dokumentarfilme im Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten