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Taubblind


Menschen hautnah
Taubblind

 Pünktlich um 8.00 Uhr beginnt für Gudrun Stärke der Arbeitstag. Der wunderschöne alte Stuhl, der auf einem Bock vor ihr steht, bekommt eine neue Sitzfläche, geflochten in der traditionellen Achteck-Form. Gudrun ist beim 6. Arbeitsschritt, dem Einpassen des letzten diagonalen Flechtrohrs. Beim Verkeilen im Rahmen passiert ihr ein kleines Malheur. Das Rohr reißt ein und muss erneuert werden, offenbar hatte sie es zu lange eingeweicht.

Über solch ein Missgeschick kann Gudrun sich schwarz ärgern. Die Arbeit ist ihr Lebenselixier, Unterbrechungen – auch die Pausen – sind da nur lästig. Dass die Betreuerin ihr zu Hilfe kommt, merkt sie an den Schwingungen des Holzbodens, am Hauch der bewegten Luft und am vertrauten Geruch. Der Zivi zum Beispiel riecht ganz anders, seine Schritte sind größer und sein Gang schwerer. Außerdem ist er noch unbeholfen, wenn er ihr mit Hilfe des Fingeralphabets etwas sagen will.

Gudrun Stärke lebt seit Jahrzehnten in einer Welt ohne Licht und ohne Laute. Im Alter von 9 Monaten verlor sie ihr Gehör, sie kam in einen Kindergarten für Gehörlose, später in eine Schule, in der sie noch schreiben und lesen lernte. Dann ließ ihre Sehkraft nach und mit 13 Jahren war sie völlig blind; das war 1962. Zwei Jahre später kam sie in das Taubblindenheim des Oberlinhauses in Potsdam-Babelsberg, eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland. 

In der Schule im Oberlinhaus werden zwei Schülerinnen von einer Lehrerin betreut. Josi, 13 Jahre alt, soll schon seit Monaten den Zahlenraum bis Drei kennenlernen. Den bunten Würfel hält sie ganz nah vor die Augen, für ihre Lieblingsfarbe Rot interessiert sie sich viel mehr als für die eingeprägten Zahlen. Frau Welz, die Lehrerin, verständigt sich mit ihr in einer Mischung aus Gebärden- und Fingersprache.

Josi Riedel kam in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt, sie wog 720 Gramm und war nur 32 Zentimeter groß. Bei der Geburt war es zu schweren Komplikationen gekommen, für die Ärzte war Josi eine „lebende Totgeburt“, bis sie auf der Waage anfing zu schreien. Aufgrund des Sauerstoffmangels ist Josi seit Geburt taub und geistig behindert. Ihr Augenlicht verschlechterte sich zunehmend, seit sieben Jahren verfügt sie nur noch über Sehreste. 1998 kam sie in die Schule im Oberlinhaus, seit 1999 wohnt sie dort auch im Heim.

Zwei Lebensläufe, die charakteristisch sind für die Situation taubblinder Menschen. „Echte Taub-blinde“ sind eine aussterbende Spezies, sagt der Leiter des Wohnbereichs im Oberlinhaus. Die Ursachen für den Verlust der beiden Sinne waren in der Vergangenheit überwiegend Meningitis, Geschlechtskrankheiten und andere verdeckte Infektionskrankheiten. Ältere Taubblinde haben in der Regel lesen und schreiben gelernt, beherrschen die Blindenschrift, können sich mit der Umwelt verständigen und haben Erinnerungen an die Zeit, in der sie noch sehen konnten.

In den letzten Jahren stehen andere Ursachen – und damit ein verändertes Erscheinungsbild der Behinderung – im Vordergrund: Embryopathien, also eine Röteln-Infektion der Mutter während der Schwangerschaft, extreme Frühgeburten, die am Leben gehalten und dann im Brutkasten mit Sauerstoff unter- bzw. überversorgt wurden, sowie Komplikationen während der Geburt führen zu Schädigungen nicht nur an den Sinnesorganen sondern auch im Gehirn.

Der Filmemacher und Grimme-Preisträger Wolfram Seeger (“Dornröschen – Zwei Kinder er-wachen aus dem Koma”) hielt sich im Sommer 2000 zwei Monate im Oberlinhaus in Babelsberg auf, um Kontakt zu den Kindern und Erwachsenen aufzunehmen. Als sie mit der Anwesenheit einer Kamera einverstanden waren, begleitete er ihren Alltag und versucht, in Gesprächen mit Betreuern und Angehörigen einen Einblick in die Welt der Stille und Dunkelheit zu vermitteln.

 



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Mitten ins Herz

„… In Grimmepreisträger Wolfram Seeger haben Elsbeth Osterburg, Gudrun Stärke und ihre Leidensgenoss(inn)en den denkbar besten Chronisten ihres Lebens gefunden. Präzise und sensibel beobachtet er ihren Alltag im Potsdamer Oberlinhaus, wo mit geradezu christlicher Inbrunst Nächstenliebe praktiziert wird. …

„Taubblind“ ist ein Film der ganz leisen Töne und trifft doch mitten ins Herz.“

Die Welt

 

Dunkle Welt

„… Wolfram Seeger, der bereits bei früheren Filmen Erkundungen in für Normalsterbliche vermeintlich hermetisch abgeschlossene Welten unternahm, gelingt auch diesmal das Kunststück, faszinierende Einblicke in eine besondere Lebenssituation zu gewähren. Und das mit vordergründig unspektakulären, aber stets wohl durchdachten und effektvollen filmischen Mitteln. Auf jeden Off-Kommentar verzichtend, beobachtet Seeger die Heimbewohner in langen, ungeschnittenen Einstellungen bei ihrem Tun. Wobei er immer wieder sinnfällige Bilder für diese dunkle Welt der Stille findet. …“

Kölner Stadt-Anzeiger

 

Wenn der Ventilator an der Haustür klingelt

„… Die Beobachtungen aus dem Alltag der Taubblinden erzeugen einen befremdenden Effekt. Der mit fünf Sinnen begabte Zuschauer erlebt seine eigene Welt plötzlich nicht mehr als selbstverständlich. Und auf eine ungewohnte Weise wird verdeutlicht, was es heißt, Freude und Schmerz zu empfinden. Denn Menschen, die nie gelernt haben, ihre Mimik visuell zu kontrollieren, sind praktisch eins mit ihren Affektäußerungen.“

Frankfurter Rundschau

 

Nach Worten tasten

„… Sein Film löst nicht dieses schwammige, schnell wieder verflogene Mitleid aus, das andere Dokumentationen über Körperbehinderte erzeugen. Seegers Bilder erzeugen Respekt, weil er zeigt, wie sie die ganz alltäglichen Dinge meistern …

Seeger lässt Bilder, Geräusche und Unterhaltungen für sich wirken – 90 Minuten lang wird das kein bisschen langweilig. Die Porträtierten konnten nicht sehen, wann Seeger seine Kamera auf sie richtet, Deshalb ist der Film so intim, zeigt die Menschen in überschwänglicher Freude und tiefster Angst. Und wenn sie doch mitbekommen, dass die Kamera läuft, scheint es sie nicht zu stören. …“

die tageszeitung

 

Nichts sehen, nichts hören

„… Der authentische Charakter seines Films wird durch den Verzicht auf erklärende Kommentare und Begleitmusik noch verstärkt. Auf diese Weise wird nichts hervorgehoben, nichts überdeckt. Der sehende und hörende Zuschauer erhält klare Einblicke in eine Lebenswelt voll Stille und Dunkelheit.“

Potsdamer Neueste Nachrichten

 

Im schwankenden Boot

„… Das Oberlinhaus in Potsdams einstigem Webervorort Babelsberg … schützt die Taubblinden vor vielen Ungewissheiten. Ein wenig gleichen die Dauerpatienten Klosterbrüdern und -schwestern, so geregt ist ihr Tagesablauf und so nützlich versuchen sie sich mit ihren Möglichkeiten zu machen. …

Auch an diesem Ort ist aktive Besinnung nötig, um das innere Gleichgewicht zu halten. Doch fern der Hektik des modernen Lebens wird das Fließen der Zeit zu einer erfüllten Erfahrung. Diese religiöse Dimension des Lebens im Heim deutet der Film unaufdringlich an.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Zum Beispiel Lebensfreude

„… Eines vor allem dokumentiert Seeger: Die Lebensfreude und den Lebenswillen dieser tauben, taubblinden und zum Teil auch geistig behinderten Menschen. An seinem Schneidetisch hat er deshalb nicht ohne Grund in die Mitte seines Filmes eine Inschrift des Oberlin-Hauses aus dem Jesaja-Buch eingefügt: ‚Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.‘ Als ob Seeger das zu uns, dem Fernsehpublikum, sagen wollte.“

Der Weg

 

Daumenkino

„… Seeger hat einen Erzählstil geschaffen, der zunächst beliebig zuschauend wirkt. Ganz allmählich kippt jedoch die Perspektive der Zuschauer: vom bloßen Zusehen zum Mitempfinden, dem Eintauchen in einen anderen Lebensrhythmus. Zeit ist im Oberlinhaus relativ. Die Ruhe ist trügerisch, da der Elan und die Träume der Bewohner erst bei einem zweiten Blick spürbar werden. …

Mutig überlässt der Autor Seeger die ersten 19 Filmminuten ganz dem Kameramann Seeger. Es sind wortlose Bilder, die neugierig machen auf diese gewandte und agile Betriebsamkeit. Die respektvollen Szenen ermöglichen dem Zuschauer, sich selbst unvoreingenommen mit der Welt des Oberlinhauses vertraut zu machen, bevor ihm die Lebensgeschichten seiner Bewohner erzählt werden. …

So entstand eine sehr subtile Dokumentation: Nicht über Behinderungen, sondern über Liebe, Ängste, Einsamkeit und die tapfer bewältigten Alltage.“

Süddeutsche Zeitung

 

Leben in Stille und Dunkelheit

„… Von Mitleid ist in Seegers Bildern keine Spur. Er fängt mit der Kamera das ein, was er sieht. Er kommentiert nicht. Er führt nicht das Wort für die, die mit den Händen reden. Er schenkt Aufmerksamkeit und Interesse, das mit intensiven Momentaufnahmen belohnt wird. Wir werden konfrontiert mit einer Welt, die auch Raum für Glück und Zufriedenheit bietet. …“

Westfälische Rundschau

 

„Ich glaube , die filmen noch“

„… Hier hatte sich einer Zeit genommen, diese ihm fremde Welt mit unverstelltem Blick zu erkunden. Und das vermutlich lange, bevor er die Kamera zum ersten Mal laufen ließ. So eröffnete der Film, statt sich in billigen Mitleidsgesten zu ergehen, faszinierende und zuweilen auch wunderbar humorvolle Momentaufnahmen. ‚Ich glaube, die filmen noch‘, sagte Elsbeth auf dem Sofa, bevor sie ihre Mitbewohnerin zum Plaudern einlud und damit volles Vertrauen zum Treiben des Filmemachers signalisierte. …“

Funkkorrespondenz

 

Wie aus Gebärden Worte werden

„… Wolfram Seeger hat nach über 40 Filmen seinen eigenen Filmstil entwickelt. Sehr sensibel nähert er sich Themen, die im Prinzip ganz unpopulär sind. …

Im Film ‚Taubblind‘ kann der geneigte Zuschauer eintauchen in das Leben von unscheinbaren Menschen, die sonst kaum wahrgenommen werden. Ihre Welt ist meist dunkel und still, aber trotzdem sehr intensiv. Die Akteure sind nicht geschminkt, sagen keine Texte auf und die Szenen sind nicht gestellt. Der Autor präsentiert einen Dokumentarfilm in Reinkultur.“

Kirchenzeitung Vorpommern

 

„… Konzentrationsbereitschaft musste man für den 90-minütigen Film mitbringen. Dennoch: eine lohnende TV-Bekanntschaft.“

Hamburger Abendblatt

 

„… Unter behutsamer Bildanleitung und ohne naseweisen Moderationstext tasteten sich die Augen an den ureigenen Rhythmus von Zeit heran. …

Und lernten Hände und ihre Gesten neu schätzen. Ganz unspektakulär, aber faszinierend.“

Rheinischer Merkur

 

Sprechende Hände

„… In diesem Sinn ist Seegers Film vor allem auch ein Film über und für diejenigen, die über all ihre Sinne verfügen (und nur deshalb in der Lage sind, diesen Film zu sehen und zu verstehen), er wirft einen verfremdeten Blick auf uns selbst. Kommunikation, das lernt man hier schnell, ist ein großes menschliches Bedürfnis, sie gelingen zu lassen, ein großes Ereignis. Hautnah ist dieser Film im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Tastsinn, die Berührung, ist das wichtigste Mittel, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. …

Es ist vielleicht auch nicht zu begreifen. Der Autor ist mit seiner Kamera in diese Welt der Dunkelheit und Stille beobachtend hineingegangen und hat versucht, sie in unsere Welt zu übertragen. Man ahnt: In diese Einsamkeit wird nie jemand wirklich vordringen. …“

epd medien

 

Wolfram Seeger Dokumentarfilme im Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten